Ü-Eier oder Gachapons, das Spielzeugei des Kolumbus

Verschiedene kleine Figuren in eine Plastikkugel zu stecken und zum Verkauf anbieten, ohne das der oder die Käuferin weiß, welche Figur sich in welcher Kugel verbirgt. Genau das ist die Verkaufstaktik bei Überraschungseiern oder deren asiatischen Verwandten, den Gachapons.

Eine geniale Idee, denn eine der ausgeprägten menschlichen Eigenschaften ist die Neugier. Wenn sich diese dann auch noch mit Sammelleidenschaft verbinden lässt und viele weitere Mitsammler, heute heißt das Community, vorhanden sind, gibt es fast kein Halten mehr. Den Anfang machten dabei die Japaner, und zwar die Brüder Ryuzo und Tetsuo Shigeta, die im Jahr 1965 ein Gacha Gacha Automatenladen eröffneten. Die japanischen Gachapons gibt es vorwiegend in Automaten. Deren Geräusch, wenn nach Einwurf einer Münze und einem Dreh am Rad ein Gachapon aus dem Behälter in den Entnahmeschacht fällt, hört sich lautmalerisch wie „Gacha pon“ an, was den Plastikkugeln ihren Namen gab. Der Erfolg der Gachapons hält bis heute an, wobei es immer wieder mal größere Wellen gibt, so wie aktuell mit neu erschienen Figuren, die hauptsächlich den japanischen Mangas und ihren Videospielablegern und Zeichentrickfilmen entstammen. Erstaunlicherweise ist jedoch gerade in Japan eine kleine Frauenfigur in Bürokleidung der Renner. In Japan waren eigentlich auch nie Kinder die Zielgruppe für die Gachapons, sondern junge Erwachsene, die sich über die durchaus sorgfältig herausgearbeiteten Miniaturen freuen.

Das deutsche Ü-Ei kommt aus Italien

Der im Jahr 2016 verstorbene Italiener William Salice war bis 2007 Produktentwickler des Süßwarenherstellers Ferrero mit Hauptsitz im oberitalienischen Alba. Salice entwickelte die Idee des Ü-Eis mit Schokolade herum im Jahr 1972 und zwei Jahre später wurde das Ü-Ei auch in Deutschland angeboten. Von diesem Hersteller stammt übrigens noch ein Produkt, das gerade in Deutschland Kinder wie Erwachsene seit Jahrzehnten begeistert, der Brotaufstrich Nutella.

William Salice hat sich nie als Erfinder des Ü-Eis gesehen, sondern als Entwickler einer bereits bestehenden Idee. Tatsächlich hat die Firma Ferrero, die als Konditorei begann, schon früher in Einzelanfertigung Schokoladeneier mit Überraschungen darin speziell zu Ostern produziert und ihren Kunden angeboten. Salice hat diese Idee praktisch zur Serienreife gebracht und dabei die Plastikkugel als ideales Transportbehältnis innerhalb des Schokoladenei gesehen. Vielleicht wurde er durch die japanischen Gachapons inspiriert, doch das bleibt wohl ein Geheimnis.

Niemand weiß, was drin ist

Japanische Konsumenten lieben Automaten. Im Gegensatz zu Deutschland kann etwa in einer der Großstädte des Inselstaates im Pazifik praktisch alles für den täglichen Bedarf aus Automaten bezogen werden. Komplette Automatenläden finden sich überall in den Geschäftsstraßen Japans. So auch Gachapon-Automaten, die oft in mehreren Reihen über- und nebeneinander stehen. Das verführt natürlich dazu, gleich an mehreren Automaten Geld einzuwerfen, immer in der Hoffnung, eine ganz besondere Figur, die noch in der Sammlung fehlt, zu ergattern. Dabei handelt es sich keineswegs um ein paar Cent, die dafür benötigt werden. Umgerechnet kostet ein Gachapon aus dem Automaten zwischen einem und sechs Euro. Allein in Japan werden mit Gachapon-Automaten jährlich etwa 230 Millionen Euro umgesetzt.

Es bestehen zwar keine offiziellen Umsatzzahlen, es ist aber anzunehmen, das der Sammlermarkt mit Gachapons, auf dem gebrauchte Figuren von Privat zu Privat verkauft werden, ähnliche Umsatzzahlen hervorbringt. Erwachsene Japaner sind durchaus bereit, für eine bestimmte Figur mehrere Hundert Euro beziehungsweise den entsprechenden Wert in Yen hinzublättern, um sie zu erhalten.

Die Figuren aus deutschen Ü-Eiern werden in ähnlich hohe Preislagen getrieben, wenn sie denn entsprechend selten sind. Die absoluten Spitzenreiter sind hierbei die Schlümpfe. Die kleinen blauen Comic-Zwerge schlagen als Überraschungsei-Figuren mit bis zu 12.000 Euro zu Buche, etwa wenn es sich um einen Nachtwächterschlumpf in einer ganz bestimmten Spezifikation handelt.

Ob nun Gachapon oder Ü-Ei, in den vergangen vier Jahrzehnten hat sich weltweit ein eigenes kleines Universum um die Figuren gebildet. Viele der damaligen Kinder sind heute gestandene Erwachsene, die mit den Plastikkugeln ein Stück Kindheit in den meist rauen Alltag mitnehmen, an dem sie sich täglich erfreuen können, ohne schräg angesehen zu werden.

April 2019


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